Wie schaffe ich es, mit meinem Freund über unsere Beziehung zu sprechen?

Ich war noch nie ein Mensch, dem das Herz auf der Zunge lag. Der Satz, den ich in meiner Kindheit und Jugend an nicht guten Tagen am häufigsten gehört habe, war: „Indianerherz kennt keinen Schmerz.“ Damit habe ich nie gelernt, auszudrücken, welche Themen mich bewegen, welches Verhalten mir wehtut, einzufordern, was ich brauche. Ich habe nie gelernt, Fragen in Bezug auf Zwischenmenschlichkeit zu stellen, für mich und meine Meinung einzustehen, Probleme jeglicher Art wurden nie besprochen, eher wurde all das verdrängt.

Wir verstehen uns super

Vor ca. zwei Jahren fing es zwischen mir und meinem jetzigen Freund an. Wir waren Kollegen, niemand sollte von uns wissen. Vier Monate später entschieden wir uns für den Versuch unserer Beziehung. Nach dem ersten halben Jahr läuft es gut. Wir sind mehr draußen unterwegs, Kollegen und Freunde wissen von unserer Beziehung und vor einem halben Jahr sind wir zusammengezogen. Wir verstehen uns super, streiten so gut wie nie, haben ähnliche Vorstellungen von der Zukunft und doch fühle ich mich nicht sicher.

Das, was mich umtreibt

Das, was mich umtreibt, kann ich bei ihm nicht ansprechen, ihm nicht sagen, wenn mich etwas stört. Manchmal gibt er in Runden, in denen wir mit Familie und Freunden zusammensitzen, Kommentare von sich, die mir sehr weh tun, weil ich sie – vielleicht ungerechtfertigt – auf mich beziehe.
Auch würde ich gerne häufiger mit ihm schlafen, denn einmal die Woche reicht mir eigentlich nicht.
All das schaffe ich aber nicht anzusprechen. Schon die Vorstellung macht mir Angst, ich frage mich, welche die richtige Situation ist, wann sie kommt und wie der Moment sein muss. Habe Angst vor seinen Reaktionen und vor den Konsequenzen, obwohl ich eigentlich nichts befürchten muss und ich ihn für keinen böswilligen Menschen halte.

Was kann ich nur tun?

Was kann ich nur tun? Ich bin um die dreißig Jahre alt und möchte „Indianerherz kennt keinen Schmerz“ nicht mehr leben – bin aber auf dem besten Weg, es zu tun.

Eine wichtige Frage

Vielen Dank für deine wichtige Frage. Es freut uns zu hören, dass ihr euch super versteht, so gut wie nie streitet und ähnliche Vorstellungen von der Zukunft habt. Und es macht wirklich Sinn, dass du „Indianerherz kennt keinen Schmerz“ in deiner Liebesbeziehung nicht mehr leben möchtest. Ein Indianerherz kann im Alltag manchmal schon hilfreich sein, aber in unserer Liebesbeziehung bringt es uns auf Dauer in Distanz und Unverbundenheit.

Gleichzeitig erfährst du Angst, und das macht auch Sinn. Für uns Menschen ist Angst wichtig, um uns zu schützen, und eine Liebesbeziehung ist für uns etwas sehr wichtiges und schützenswertes.

Koregulation als Grundbedürfniss

Es kann aber passieren, dass die Angst, die wir spüren nur ein Teil mit der heutigen Situation zu tun hat und viel mit unserer eigenen Bindungs- und Beziehungsgeschichte. Wenn wir in unserer Jugend oft „Indianerherz kennt keinen Schmerz“ gehört haben und vielleicht gespürt haben, wie es Mutter oder Vater – aufgrund ihrer eigenen Geschichte – unangenehm war oder es sie genervt oder überfordert hat, wenn wir versucht haben über etwas zu reden, was uns bewegt, können wir als Kind Angst bekommen, die Beziehung und die Zuneigung zu riskieren. Es ist verletzlich, uns anzuvertrauen, und wir Menschen brauchen das alle – wir brauchen sichere Bindung. Und natürlich sind wir als Kinder noch verletzlicher. Wir nennen dieses Grundbedürfnis Koregulation.

Schatten aus der Vergangenheit

Oft sind diese Ängste unbewusst, es fühlt sich dann einfach schwierig, unangenehm oder nicht richtig an, über das zu reden, was uns bewegt. Wir warten dann ab, oder hoffen, die Verletzung geht von selbst wieder vorbei, wir versuchen, allein damit klarzukommen… Und in der Tiefe haben wir Angst, die wir imgrunde von früher kennen, und die sich nicht auflösen kann, wenn wir weiterhin „Indianer“ und damit allein bleiben. Und das hört sich bei euch so an, wenn du schreibst: „obwohl ich eigentlich nichts befürchten muss und ich ihn für keinen böswilligen Menschen halte.‟ Und toll, wie sehr du darüber reflektierst und es bereits verknüpfen kannst mit einem vorherigen Leben – das scheint eine Stärke von dir zu sein, die dir helfen wird.

Ein gut funktionierende Liebesbeziehung?

Es kann sein, dass wir wirklich noch nie ein gut funktionierende Liebesbeziehung gesehen haben, bei unseren Eltern nicht, und auch nicht bei Eltern von Freund*innen. Sue Johnson schreibt darüber: „Viele von uns haben noch nie eine richtig gute Liebesbeziehung gesehen. Eigentlich versuchen wir etwas zu erschaffen, das wir nie gesehen haben. Wir versuchen, eine Sprache zu sprechen, die wir nie gesprochen haben. Wir wundern uns, warum das so schwer ist.‟ Wenn dich das anspricht, empfehlen wir dir und euch gemeinsam das Buch „Halt mich fest‟ von Sue Johnson zu lesen. Es gibt ein gutes Bild davon, wie eine gute Liebesbeziehung aussehen kann, und was wir tun können, wenn es schief geht.

Eine Liebesbeziehung ist Neuland

Wenn wir deine Frage lesen, könnten wir uns vorstellen, das ihr es versuchen könntet LOVE Gespräche zu haben. Vielleicht schreibst du deinem Freund, dass du das Gefühlt hast, dass ein LOVE Gespräch dir gut tun würde, und ob er sich das vorstellen kann. Wir hoffen, dass er sich das vorstellen kann, und du damit einen Anfang machen kannst, dass ihr beide lernt, in eurer Liebesbeziehung eure wahren Gefühle zu zeigen, statt diese verbergen zu müssen.

Und ihr könnt Schritt für Schritt gehen! Wie wäre die Vorstellung für dich, deinem Freund erstmal davon zu erzählen, dass dir etwas auf dem Herzen liegt, dass es aber schwierig und ungewohnt und verunsichernd für dich ist, dich damit an ihn zu wenden, da du gelernt hast, mit verletzlichen Gefühlen „Indianer“ sein zu müssen? Wie fühlt sich das an, wenn du das jetzt liest, in deiner Vorstellung?

Uns allen ist dabei etwas mulmig zu Beginn – denn es ist Neuland, und es geht um das Wesentliche in unserem Leben: unsere Liebesbeziehung! Ja, es ist erstmal ein gewisses Risiko, dieses Neuland zu betreten – und das können Partner zusammen am besten. Vielleicht hilft dir dabei, dass ein Teil des Indianer-Daseins auch bedeutet, mutig sein zu können! Mit deiner Willenskraft, die uns beim Lesen beeindruckt hat! – schreibst du: „Ich bin um die dreißig Jahre alt und möchte „Indianerherz kennt keinen Schmerz“ nicht mehr leben – bin aber auf dem besten Weg, es zu tun.‟

Nutze deinen Willen

Wow, nutze diesen Willen! Denn es stimmt, das ist das, was uns Menschen passiert: Das Drama, dass wir wiederholen, was wir als Kind lernen mussten, um Beziehungen zu schützen, und uns als Erwachsenen im Weg steht zu einer innigen, sicheren Beziehung, in der wir uns verletzlich zeigen können und unser Partner emotional zugänglich und zugewandt bleibt. Das ist ein Lernprozess für jedes Paar – und ein absolut lohnenswerter. Denn was ist wichtiger als eine sichere Bindung, von der aus wir Menschen uns entfalten und unser Leben leben können?

Wir wünschen dir und euch viel Mut, Erfolg und Liebe!

Dein Lovie-Team

 

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