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Er gibt mir selten Oralsex und das frustriert mich…

Mein Freund und ich sind seit vier Jahren zusammen und wollen bald heiraten. Es ist eine gute Beziehung und wir lieben uns sehr. In letzter Zeit habe ich aber Sorgen, weil es sexuell nicht so gut läuft. Ich bin immer frustrierter, weil ich eher selten einen Orgasmus bekomme und er mir nie Oralsex gibt. Er hat einen Orgasmus und schläft dann befriedigt ein, und ich bin aber noch ganz unbefriedigt. Sex wird immer frustrierender, wenn er immer kommt und ich so wenig.

Ich mag Oralsex einfach und ich mache es auch gerne bei ihm. Aber ich muss ihm immer wieder sagen, dass ich es auch will. Er macht es nie von sich aus. Wenn ich ihn dann darum bitte, dann sagt er, er mag das nicht oder er macht es irgendwie so unsensibel und dann fühle ich mich auch nicht mehr gut damit. Ich habe versucht ihm zu zeigen, wie er es machen soll, damit es sich gut anfühlt, aber er macht es dann doch so grob und stimmt sich gar nicht auf mich ein. Er verlangt diese ganzen Dinge von mir im Sex, aber so etwas für mich zu tun, ist ihm dann zu viel!

Wie kann ich ihn dazu bringen, dass der Sex gleichberechtigt ist und er mich auch befriedigt?

Die Frustration im Vordergrund, die verletzlichen Gefühl im Hintergrund

Wir können gut verstehen, dass es frustrierend ist, wenn du eine Ungerechtigkeit und Unausgeglichenheit beim Sex spürst und du schlussendlich immer wieder unbefriedigt bleibst. Sex ist ein wichtiger Teil einer Beziehung. Es ist auch beim Sex wichtig, dass du dich geliebt und befriedigt fühlst. Denn Sex macht Spaß und ist zudem auch eine Aktivität, die Paare emotional näherrücken lässt.

Der erste Schritt zu gutem Sex in einer langfristigen Beziehung ist eine gute Bindung. Dies erklärt Dr. Sue Johnson sehr schön in dem folgenden Video ‚The New Frontier of Sex & Intimacy‘ in ihrem TEDx Talk. Wir hoffen, dass wir bald deutsche Untertitel für dieses Video haben. Mit Bindung meinen wir eine Beziehung, bei der du und dein Freund euch geliebt fühlt und euch vertrauen könnt. Wenn du weißt „mein Freund ist für mich da, wenn ich ihn brauche“ und er das auch so empfindet, dann seid ihr auf dem richtigen Weg. Dann könnt ihr miteinander beginnen, euch darüber auszutauschen, wie es euch beim Sex wirklich geht – und gemeinsam finden, wie Sex befriedigender für euch beide werden kann. Uns scheint es, dass ihr euch in eurer Beziehung schon gut gefestigt fühlt und es Vertrauen in eurer Beziehung gibt. Das ist die beste Grundlage!

Dass du deinem Freund sagen kannst, was dir beim Sex fehlt, ist wirklich gut! Genau das ist der zweite Schritt in die richtige Richtung. Nur wenn du ihm sagst, wenn etwas für dich nicht stimmt, könnt ihr auch Schritte einleiten, um etwas zu verändern. Also würden wir euch gerne motivieren, weiter darüber zu sprechen, und dabei folgendes zu berücksichtigen.

Es klingt so, als geratet ihr in ein negatives Muster, wenn ihr darüber redet. Darum kommt ihr auch nicht zu erfüllendem Sex. Das ist normal – alle Paare, sogar die Paare in sicherer Bindung, geraten bei manchen Themen in ein negatives Muster. Du schreibst, dass ihr euch sehr liebt und eine gute Beziehung habt. Ihr habt also die besten Voraussetzungen, um aus dem negativen Muster auch wieder herauszukommen.

Es könnte sein, dass du dein Bedürfnis nach mehr Aufmerksamkeit für deine sexuelle Befriedigung ausdrückst, und dies aber nicht richtig bei ihm ankommt. Es könnte sogar sein, dass er nicht versteht, wie wichtig das für dich ist. Oder vielleicht weiß er auch nicht, was er eigentlich genau tun soll. Es kann sein, dass er sich vielleicht hilflos fühlt oder es ihm unangenehm ist, dass er nicht weiß, wie genau er seine Liebste richtig befriedigen kann. Möglicherweise hört er eher Kritik statt eines Versuches, deine Bedürfnisse zu stillen und die Beziehung zu vertiefen. Er reagiert vielleicht auf diese ‚Kritik‘ deswegen nicht fürsorglich, sondern mit Ablehnung oder indem er sich zurückzieht.

Wenn ihr darüber redet, versuche mal zu beobachten, wie du es sagst und wie das Gesagte bei deinem Freund ankommt. Dr. Sue Johnson sagt oft, dass Beziehungen wie ein Tanz sind. Wenn du einen Schritt machst, reagiert dein Partner exakt auf diesen Schritt. So entsteht ein Tanz zwischen Partnern. Schritte können „weicher“ oder „härter“ getanzt werden, und lösen dementsprechend etwas bei unserem Tanzpartner aus. Statt es als Kritik zu formulieren, könntest du versuchen, deinem Freund mitzuteilen, wie du dich innen fühlst, wenn er sich plötzlich von dir wegdreht und einschläft… Vielleicht fühlst du dich traurig, übersehen, allein gelassen, nicht wichtig genommen? Teile ihm mit, dass du dich nach mehr Gemeinsamkeit im Sex sehnst – dass er dich wahrnimmt, und findet gemeinsam heraus, wie euch das mehr Spaß machen kann – damit bringt ihr euch nicht in einen Streit oder ein negatives Muster.

Hinter Gefühlen wie Frustration und Wut, die oft als Kritik formuliert werden, sind in einer Beziehung meist auch verletzliche Gefühle, wie Angst und Trauer. Und es bedeutet dir etwas, dass er es wichtig nimmt, dass du sexuell befriedigt bist in eurer Beziehung – damit du dich geliebt und fürsorglich behandelt fühlst. Wenn es dir in so einem Moment, wo er sich wegdreht und einschläft, so vorkommt, dass es ihm nicht wichtig zu sein scheint, könnte es in dir auch Ängste auslösen: ‚Bin ich ihm überhaupt wichtig genug, dass er auch an mich denken will beim Sex?‘

Wir glauben, dass er dich sehr liebt und ihm das tatsächlich wichtig ist – denn schließlich plant ihr, euer Leben miteinander zu verbringen. Es kann sein, dass ihm nicht bewusst ist, wie es dir geht. Vielleicht fühlt er sich selbst unsicher und es fällt ihm auch nicht leicht, dir das zu sagen. Vielleicht hat er auch Angst, dass er in deinen Augen kein guter Liebhaber sein könnte?

In Liebesbeziehungen ist es wichtig, unsere verletzlichen Gefühle zu zeigen. Dann kann unser Partner mit Wärme und Fürsorge reagieren. ‚Schatz, ich habe Angst, dass ich dir nicht wichtig bin, wenn du beim Sex nicht auf mich eingehst‘ kann manchmal sanftere Reaktionen auslösen, als ‚Du hast mich immer noch nicht sexuell befriedigt und ich möchte, dass du mir Oralsex gibst!‘. Auch wenn deine Frustration verständlich ist, sind dahinter sicherlich auch verletzliche Gefühle, die wichtig sind, ihm mitzuteilen.

Es ist für uns Menschen nicht immer einfach, uns unseren Partnern gegenüber verletzlich zu zeigen. Am besten offenbarst du diese zarteren Gefühle, wenn dein Partner entspannt ist und wahrscheinlich positiv reagiert. Du kannst ihm vorab sagen: ‚Ich möchte dir gerne etwas sagen, was mir nicht leicht fällt, wo ich verletzlich bin, und ich habe ein bisschen Angst, wie du reagieren könntest. Bitte hör mir wirklich zu, und nimm es wichtig, ok?‘ Wenn du unsicher bist, wie diese Gespräche laufen könnten, könnt ihr das Thema in einer Sitzung bei einer Emotionsfokussierten Paartherapeutin besprechen. Emotionsfokussierte Paartherapeuten sind darauf trainiert in der Sitzung einen sicheren Ort zu kreieren, damit keine Verletzungen entstehen.

Wenn ihr Lust habt, eure Beziehung weiter zu vertiefen, empfehlen wir euch „Wir Beide – Das Arbeitsbuch für Paare“ von Veronica Kallos-Lilly und Jennifer Fitzgerald. Dieses Buch ist tatsächlich ein „Arbeitsbuch“, bei dem man zusammen Aufgaben machen kann, um die Beziehung weiter zu vertiefen. Mithilfe dieses Buches könnt ihr das Thema Sex leichter ansprechen.

Schlussendlich bleibt dann noch das Experimentieren. Jemandem guten Oralsex oder auch guten Sex zu bieten, lernen zwei Menschen erst miteinander! Viele von uns wissen gar nicht genau, wie das geht. Nicht jeder hatte vertrauensvolle Bezugspersonen, die einem dabei geholfen haben, Sex und Bindung zu verstehen. Nehmt euch Zeit, euch aufeinander spielerisch einzustimmen und vielleicht mit etwas Spaß oder etwas Humor an die Sache heranzugehen. Jeder ist irgendwo auch mal unsicher beim Sex, das ist ganz normal. Wichtiger als jede Technik ist das Miteinander.

Wir freuen uns, dass du auf uns zugekommen bist! Und wir haben den Eindruck, dass eure Beziehung eine gute Basis für eine erfüllende, liebevolle, und befriedigende Bindung hat! Wir wünschen euch viel Freude und Miteinander auf dem Weg zu erfüllender Sexualität! Vergesst nie miteinander zu reden, eure Bedürfnisse auszudrücken, euch gegenseitig zuzuhören, zu experimentieren!

Dein Lovie-Team

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